Notizen · Werkstatt · 30.07.2026
Zwei richtige Zahlen, eine falsche Aussage
Beim Schreiben eines anderen Beitrags brauchte ich eine Zahl zur KI-Nutzung in Schweizer Unternehmen. In den Medien fand ich diesen Satz, in mehreren Varianten:
«In der Schweiz verwenden demnach 77 Prozent der Befragten KI im beruflichen Kontext — deutlich mehr als der weltweite Durchschnitt von 58 Prozent.»
Quelle angegeben, Studie renommiert: KPMG mit der Universität Melbourne, 48 340 Befragte in 47 Ländern. Ich wollte die Zahl nur schnell verifizieren.
Was im Bericht steht
Beide Werte stehen dort. Nur anders.
77 Prozent, Figure 36, wörtlich: «77 percent of employees report that AI is being used by their organization.» Das ist ein globaler Wert, und er misst, ob die Firma KI einsetzt — nicht, ob die befragte Person es tut.
58 Prozent, wenige Zeilen darunter: «Fifty-eight percent of employees report intentionally using AI tools and systems» am Arbeitsplatz. Ebenfalls global. Das ist die Eigennutzung.
Zwei benachbarte Kennzahlen also, beide global, die Verschiedenes messen: Verbreitung in Organisationen gegen Nutzung durch Personen. Im Zeitungssatz wird die erste zur Schweizer Quote und die zweite zum Weltdurchschnitt, dem sie gegenübergestellt wird. Der Schweizer Wert steht an ganz anderer Stelle — Figure 2, regelmässige KI-Nutzung, 65 Prozent. Der ist allerdings nicht auf den Beruf eingegrenzt und taugt deshalb auch nicht als Ersatz.
Was ich nicht ausschliessen kann: dass es eine Schweizer Länderauswertung gibt, in der eine berufsbezogene 77-Prozent-Zahl tatsächlich steht. Gefunden habe ich keine. «Nicht gefunden» ist nicht «existiert nicht» — aber die Passgenauigkeit ist auffällig: Genau die beiden Werte, die im Satz auftauchen, stehen im Bericht unmittelbar nebeneinander.
Wie die Zahl gereist ist
Der Satz stammt aus einem Schweizer Fachmedium, publiziert am 2. Mai 2025 auf Französisch. Drei Tage später erschien er in der deutschen Übersetzung im Schwesterblatt desselben Verlags. Von dort ist er weitergewandert.
Bemerkenswert daran ist nicht der erste Fehlgriff — den macht jeder einmal. Bemerkenswert ist, dass die Zahl eine Übersetzung überlebt hat. Zwischen Original und deutscher Fassung lag ein Arbeitsschritt, bei dem jemand den Text Satz für Satz durchgegangen ist. Nachgeschlagen hat den Bericht dabei offenbar niemand. Und das Original verweist auf ihn zwar korrekt, verlinkt ihn aber nicht — man hätte ihn erst suchen müssen.
Warum das die unangenehmere Fehlerart ist
Eine erfundene Zahl fällt beim Nachschlagen auf. Diese hier nicht. Wer die Quelle öffnet und nach «77» sucht, findet «77». Wer nach «58» sucht, findet «58». Der Fehler steckt nicht in den Ziffern, sondern in der Paarung — und die steht nirgends geschrieben, sie wurde hergestellt.
Genau das ist die Prüffrage, die ich für den Umgang mit KI-Ausgaben für die wichtigste halte und die am häufigsten übersprungen wird: nicht «gibt es die Quelle?», sondern «steht die Aussage dort wirklich so?». Ich habe sie im Beitrag über Halluzinationen beschrieben. Hier zeigt sich, dass sie mit Sprachmodellen nichts zu tun hat. Diesen Satz haben Menschen gebaut, in einem Fachmedium, mit korrekter Quellenangabe.
Aufgefallen ist es mir nur, weil ich die Zahl in einem eigenen Text über Schatten-KI verwenden wollte und dafür ohnehin in den Bericht musste. Hätte ich sie bloss zitiert, hätte ich den Fehler weitergetragen — mit Quellenangabe, was ihn haltbarer gemacht hätte, nicht schwächer.
Deshalb halte ich die Regel für zumutbar, auch wenn sie unbequem ist: Zahlen, die eine Aussage tragen, liest man im Original nach. Nicht die Ziffer, den Satz drumherum.
Quellen
- Gillespie, N., Lockey, S., Ward, T., Macdade, A. & Hassed, G. (2025): «Trust, attitudes and use of artificial intelligence: A global study 2025». The University of Melbourne und KPMG. DOI 10.26188/28822919. 48 340 Befragte in 47 Ländern, national repräsentativ, Feldzeit November 2024 bis Mitte Januar 2025. Zitierte Werte: Figure 36 (organisationale Nutzung, 77 %), die anschliessende Angabe zur absichtlichen Eigennutzung am Arbeitsplatz (58 %), Figure 2 (regelmässige Nutzung nach Ländern, Schweiz 65 %).
- ICTjournal: «L'IA au travail en Suisse: un usage de plus en plus répandu, mais souvent sans contrôle», 2. Mai 2025, Alexia Muanza — Erstpublikation des Satzes: «En Suisse, 77% des répondants déclarent utiliser l'IA dans un contexte professionnel, contre 58% en moyenne mondiale.» Der Artikel nennt als Quelle allein den globalen Bericht, verlinkt kein Quelldokument und führt keine Schweizer Länderauswertung an.
- Netzwoche: «Schweizer Angestellte greifen zunehmend zur KI – und scheren sich wenig um Richtlinien», 5. Mai 2025, Alexia Muanza (Übersetzung Dajana Dakic, rja) — deutsche Fassung desselben Textes. Beide Titel erscheinen bei Netzmedien.
Holger von Ellerts schreibt hier über KI, Agentic Commerce und Lehre — und gelegentlich über das Leben neben der Arbeit. Mehr über Holger