Notizen · Werkstatt · 13.10.2026
Clickbait gegen den Quellcode: eine Übung in Medienkompetenz
Im Sommer lief eine Formulierung durch die sozialen Netze, die ich seither im Unterricht verwende: «A scientist in Denmark figured out how to make Claude prepare his job applications.» Ein Wissenschaftler, eine Entdeckung, ein Durchbruch. Der Beitrag wurde tausendfach geteilt.
Die Sache hat einen Vorteil, den die meisten viralen Behauptungen nicht haben: Man kann sie in zwei Minuten überprüfen. Der Gegenstand liegt offen auf GitHub.
Was im Repository steht
Das Projekt heisst ai-job-search, gehört Mads Lorentzen, steht unter MIT-Lizenz und ist seit dem 18. März 2026 öffentlich. Es ist ein Rahmenwerk auf Basis von Claude Code: Stellenanzeigen bewerten, Lebenslauf zuschneiden, Motivationsschreiben entwerfen, Vorstellungsgespräch üben. Man forkt es, trägt sein Profil ein, lässt es laufen. Solide gemachte Arbeit, sichtbar viel Sorgfalt darin — und, am 8. September 2026 nachgezählt, über 40'000 Sterne.
Drei Dinge stehen dort aber nicht.
«Scientist» steht nicht da. Der Autor schreibt über sich: «I'm a geophysicist by training.» Das Wort «scientist» kommt im README nicht vor, ein Doktortitel wird nirgends behauptet. Die Weitererzählungen machten daraus wahlweise «a scientist» oder «a PhD geophysicist». Ich sage damit nichts über seine Abschlüsse — ich sage etwas über die Quelle: Sie behauptet den Titel nicht, der ihr zugeschrieben wird.
«Figured out» steht nicht da. Er hat nichts herausgefunden. Er hat, nachdem seine Stelle Ende 2025 gestrichen wurde, ein Werkzeug für die eigene Bewerbungsphase gebaut. Das ist Handwerk, kein Erkenntnisgewinn. Das Entdeckungs-Framing ist vollständig von aussen aufgesetzt.
Ein Ergebnis wird nicht behauptet, sondern erzählt. Neunundsechzig Bewerbungen, zwanzig Erstgespräche, ein Vertrag. Das ist eine Selbstauskunft mit n = 1, ohne Vergleichsgruppe, ohne Angabe, wie eine Bewerbungsphase ohne das Werkzeug verlaufen wäre. Der Autor stellt es auch genau so dar: als seine Geschichte, unter der Überschrift «Does it actually work?». Zur Studie machen es erst die, die es weitererzählen.
Wo ich selbst danebenlag
In meinen eigenen Unterlagen zu diesem Fall stand seit Juli ein Zitat: Das README sage selbst, das Ergebnis sei «presented as personal evidence rather than scientific research». Ein hübscher Satz. Beim Gegenprüfen für diesen Text habe ich alle 44 Text- und Markdown-Dateien des Repositoriums im Stand vom 12. Juli 2026 durchsucht — dem letzten vor meinem damaligen Eintrag. Der Satz kommt in keiner davon vor.
Was tatsächlich dasteht, ist ein anderer Vorbehalt: das Projekt sei unabhängig und stehe in keiner Verbindung zu Anthropic. Woher mein Zitat stammt, weiss ich nicht. Vermutlich aus einer früheren Fassung, vielleicht aus einem Kommentar, möglicherweise aus meinem eigenen Kopf.
Genau das ist der Punkt. Ich habe damals einen Clickbait-Post an der Primärquelle geprüft — und beim Notieren des Ergebnisses selbst eine Behauptung ohne Beleg eingebaut. Der Fehler ist derselbe wie beim Ausgangspost, nur eine Etage tiefer und mit besseren Absichten.
Die Übung
Zehn Minuten, funktioniert in jeder Gruppe: Alle suchen einen viralen KI-Beitrag mit einer prüfbaren Behauptung, finden die Primärquelle und füllen drei Spalten aus — Behauptung | Beleg | Bewertung. Eine Zeile pro Aussage im Titel.
Was dabei hängen bleibt, ist nicht «sei kritisch». Es ist die Erfahrung, dass die Prüfung meist zwei Klicks entfernt liegt und trotzdem fast nie jemand hingeht. Und wenn eine Gruppe schnell fertig ist, gibt es eine zweite Runde: die eigenen Notizen aus der ersten prüfen. Da wird es unangenehm — und lehrreich.
Quellen
- Repository
github.com/MadsLorentzen/ai-job-search— README im Stand vom 8. September 2026; Metadaten über die GitHub-API: MIT-Lizenz, angelegt am 18. März 2026, kein Fork, 41'283 Sterne - Dasselbe Repository im Stand des Commits
1526afcvom 12. Juli 2026 — Volltextsuche über alle 44.md/.txt-Dateien nach «personal evidence» und «scientific research»: kein Treffer (Positivkontrolle: «claude» in 13 Dateien) - Weitererzählungen der Formel «A scientist in Denmark figured out how to …» auf X, u.a.
x.com/heynavtoorundx.com/VaibhavSisinty, Juli 2026
Holger von Ellerts schreibt hier über KI, Agentic Commerce und Lehre — und gelegentlich über das Leben neben der Arbeit. Mehr über Holger
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